Auf Einladung der Joachim Herz Stiftung kamen am 20. Februar mehr als 50 Gründungsförderer aus Wissenschaft und Politik in der Elbphilharmonie zusammen, und diskutierten, warum WissenschaftlerInnen in Deutschland so selten gründen. Anlass war die von der Joachim Herz Stiftung geförderte Studie „Wissenschaftliche und unternehmerische Identitäten an Universitäten“. Die lebhafte Diskussion zwischen Prof. Dr. Hendrik Brinksma, Präsident der Technischen Universität Hamburg, Dr. Dominik Böhler, Head of Entrepreneurship & Tech Education bei UnternehmerTUM, und Dr. Stefan Schulz, CEO und Gründer von Vincent Systems GmbH, ergab: eine positive Gründungskultur an Universitäten benötigt fakultätsübergreifende, spielerische Formate, eine lösungsorientierte Zusammenarbeit in Projekten – z.B. auch mit Unternehmen -, weniger Silo-Denken und Bürokratie und eine bessere und unkompliziertere Förderung von Start-ups und vielversprechenden Ideen aus der Wissenschaft.

„In Deutschland werden wissenschaftliche Erkenntnisse kommerziell zu wenig genutzt. Dabei könnte die Gesellschaft davon profitieren – zum Beispiel durch innovative Produkte und Dienstleistungen.“ Mit diesen Worten eröffnete Dr. Henneke Lütgerath, Vorsitzender des Vorstands der Joachim Herz Stiftung, den Abend. Es gibt weltweit viele Beispiele erfolgreicher universitärer Start-ups, die zu globalen Unternehmen werden und damit neue Arbeitsplätze schaffen. Wie kann das auch bei uns gelingen?

Freiräume für Spiel und bessere Finanzierung

Dr. Schulz sieht ein grundsätzliches Problem bei der Incentivierung an Universitäten. Belohnt werde die Zahl an Veröffentlichungen und nicht die Leistungen, um das Potenzial von technologischen Neuerungen auszuschöpfen. „Für die Grundlagenforschung ist langsames und gründliches Vorgehen richtig und wichtig, andere Forschungsprojekte werden von marktorientierten Unternehmen überholt.“ Schulz gründete nach 20 Jahren Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) das Unternehmen Vincent Systems, den Hersteller der weltweit innovativsten Hightech-Handprothesen.

Dr. Böhler forderte erweiterte Lösungsräume für fakultätsübergreifende Projekte, da kreative neue Technologien oft in interdisziplinären Teams entstehen. Die TU München führte aus diesem Grund Projektwochen ein, in denen StudentInnen und WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen zusammenkommen und gemeinsam eine Problemstellung bearbeiten. „Starke hierarchische und bürokratische Strukturen an Universitäten demotivieren unternehmerisches Denken.“ Er betreut Studierende und junge WissenschaftlerInnen in unterschiedlichen Programmen für unternehmerisches Denken und Handeln und unterstützt junge Gründer bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells. Zudem sei die Finanzierung für junge Start-ups sehr schwer, deren Bewilligung mit teils einem Jahr zu lange dauere. Er schlägt lokale, kleine Finanzspritzen vor, die schnell bewilligt werden.

Mit einem weiteren Beispiel, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert, überrascht Prof. Brinksma. Die TU Hamburg gliedert sich in Forschungsschwerpunkte anstelle von Fakultäten und ermöglicht so eine engere Zusammenarbeit der verschiedenen Institute. „Entrepreneurship braucht Kreativität, Spiel und Freiräume. Deutsche Hochschulen hingegen lieben Regeln: Die Frage ist oft nicht „ist es kreativ?“, sondern „ist es erlaubt?“ Der Präsident der TU Hamburg hat lange Zeit an ausländischen Hochschulen gearbeitet und kennt die universitäre Entrepreneurship-Förderung in den USA, Asien und den Niederlanden gut. Sein Ergebnis, deutsche Hochschulen haben aufgrund der guten Ausbildung eine starke Basis. An einer flexibleren Kultur kann man arbeiten.

Teamdynamik: Gründungsberater müssen Konflikte frühzeitig erkennen und coachen

Gestützt werden diese Forderungen von den ersten Ergebnissen aus der Studie, die Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt vom TUM Entrepreneurship Research Institut und Projektleiter des Forschungsprojektes vorstellte. Eine spielerische Herangehensweise mit Spaß am „Hacking und Making“ ohne ökonomische Logik fördert die identitäre Veränderung von WissenschaftlerInnen zu GründerInnen, zählt zu den überraschenden Erkenntnissen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Gründungsteams profitieren von interdisziplinären, technischen und marktorientierten Kompetenzen. Diverse Mindsets können aber schnell zu Entscheidungsproblemen im Team führen. „Gute Projekte scheitern nicht an der Technologie, sondern an der Teamdynamik“, erläutert Prof. Patzelt. Gründungsberater müssten die Teams daher viel aktiver betreuen und möglichst auch räumlich nah am Team sein. Denn nur so können sie Konflikte frühzeitig erkennen und Teamprozesse besser coachen. Die finalen Ergebnisse der Studie sollen Ende 2020 vorliegen.