Im Gespräch mit Dr. Stephan Rohr, Mit-Gründer und Managing Director von TWAICE

Dr. Stephan Rohr ist Mitgründer und Managing Director von TWAICE. 2018 gründete der Maschinenbauingenieur gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Baumann das Analytik-Software-Start-up. Vier Jahre lang hatten sie gemeinsam bei ihrer Promotion an der TU München über die Lebenszeitmaximierung von Batterien geforscht.

TWAICE entwickelt Analytik-Software, die die Entwicklung und den Betrieb von Lithium-Ionen-Batterien optimiert. Die Kerntechnologie dabei: Digitale Zwillinge, die mit künstlicher Intelligenz den Zustand der Batterien abbilden und ihr Alterungsverhalten präzise vorhersagen. Mittlerweile sind 50 Personen im Team beschäftigt.

Wenn Du in die Zeit der Gründung zurückschaust, welche Charaktereigenschaften haben Dir geholfen?

Meiner Meinung nach sind im Wesentlichen drei Eigenschaften hilfreich: Fleiß, Ambiguitätstoleranz und soziale Kompetenz.

Als GründerIn muss man fleißig sein, zu 100 Prozent hinter dem eigenen Start-up stehen und viel mehr arbeiten, als es normal der Fall wäre. 40 Wochenstunden reichen insbesondere zu Beginn nicht aus – später wird es auch wieder besser.

Was meinst Du mit Ambiguitätstoleranz?

GründerIn sind ständig damit konfrontiert, dass sie vieles selbst nicht wissen und müssen mit sich ändernden Zuständen umgehen. Der Markt bewegt sich kontinuierlich, das Produkt verändert sich entsprechend. Hinzu kommen weitere Faktoren wie die Finanzierung, die Unsicherheit auslösen können.

Die dritte Eigenschaft, soziale Kompetenz, wird meines Erachtens oft unterschätzt. GründerInnen müssen ein Team führen, mitreißen, begeistern und bei Entscheidungen mitnehmen können. Dafür ist Selbstreflexion wichtig. Auch um anzuerkennen, wo die eigene Expertise aufhört und ich mein Team machen lasse, was die gut können.

Können GründerInnen soziale Kompetenz lernen?

Tatsächlich lerne ich bei der sozialen Kompetenz viel dazu. Am Ende geht es nicht darum wie gut meine Programmierfähigkeiten sind, sondern wie gut wir unser Team mitnehmen können. Erste Schritte habe ich während meiner Promotion als Teamleiter von zwölf Leuten gemacht, aber das ist jetzt schon eine Stufe anspruchsvoller und fordert eine ständige Weiterentwicklung.

Bringen WissenschaftlerInnen diese Eigenschaften auch mit?

Absolut, ohne Energie und Fleiß schafft man die Promotion nicht. Eine Promotion heißt ja, sich mit viel Ausdauer einem Thema widmen. Das machen GründerInnen auch.

Und Wissenschaft ist Forschen, also mit Unsicherheit der Ergebnisse umgehen können – oder auch mit befristeten Verträgen.

Was war Deine Motivation zu gründen?

Michael und ich waren zum Start unserer Promotion 2014 stark motiviert nachhaltige Lösungen für Mobilität und Energie zu entwickeln. Software kann den Markterfolg von Elektrofahrzeugen und Batteriespeichern extrem beschleunigen. 2017 hat sich gezeigt, dass sich die Industrie mit der Entwicklung von Batterien, aber nicht mit ihrer Optimierung durch eine verbesserte Analytik beschäftigt. Es gab hier also eine Marktchance, ein Fenster für unsere Technologie. Auch war ich schon immer unternehmerisch interessiert und habe mit 16 zum ersten Mal gegründet.

Hast du Deine Promotion mit der Idee begonnen selbst zu gründen?

Nicht unbedingt, aber natürlich war mir die Option bewusst. Wir haben an einem neuen, technisch spannenden Thema geforscht und kannten auch andere ForscherInnen, die aus der Promotion ausgegründet haben, z.B. Fos4x und Navvis.

Was waren die Hindernisse?

Wir hatten wenig große Hindernisse. Aus der Promotion auszugründen ist ein Privileg. Ich hatte viel Zeit mich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen und daraus eine Firma zu machen. Und ich hatte das Glück Michael kennenzulernen. Außerdem hatten wir nur ein kleines Team. Das funktioniert aus meiner Sicht besser, denn je größer das Team ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Team scheitert. Die Teamdynamik wird sehr stark, weil jeder sein eigenes Ego mit hineinbringt. Und das macht die kontinuierliche Abstimmung bei einer schnellen Unternehmensentwicklung schwieriger.

Was war schwierig für Euch?

Den Markt zu kreieren: Unsere Analytik-Software gab es so zuvor noch nicht. Entsprechend kannten unsere Kunden das Problem noch gar nicht, wir mussten hier erstmal Bewusstsein schaffen – mittlerweile hat sich das gedreht.

Ein Hindernis war auch die Finanzierung. Wir haben uns darauf konzentriert ein Netzwerk aufzubauen, um schnell an Geld zu kommen. Mit der TU München und dem Gründungs- und Innovationszentrum UnternehmerTUM hatten wir glücklicherweise gute Unterstützer und über den Fund UVC Partners und Speedinvest frühe Investoren.

Welche Unterstützung hat besonders geholfen?

Die Teilnahme an einigen Start-up-Programmen wie Xpreneurs oder Climate-KIC hat uns in vielerlei Hinsicht geholfen. Wir haben dadurch an Sichtbarkeit gewonnen, unser Netzwerk weiter aufgebaut, uns aber auch noch intensiver mit unserem Produkt beschäftigt und gelernt es besser zu präsentieren.

Am wertvollsten war aber die Unterstützung über das Netzwerk aus GründerInnen und Start-up-Mitarbeitern. Leute mit Gründungserfahrungen haben uns von Anfang an sehr mit Know-how unterstützt, sich mit uns zusammengesetzt und Kontakte vermittelt. GründerInnen nehmen sich immer Zeit für andere GründerInnen – sie möchten ihr Wissen weitergeben. Dieser unkomplizierte Wissensaustausch beschleunigt die ganze Industrie und die nächste Unternehmensgründung läuft besser als die davor. Wir profitieren heute noch davon, wenn wir neue Mitarbeiter suchen und einstellen, die vier bis fünf Jahre bei einem anderen Start-up mitgearbeitet haben. Das ist wie ein Boost für uns.

Aus Deiner persönlichen Sicht: Warum gründen WissenschaftlerInnen so selten?

Gute Frage, aus meiner Sicht eignet sich die Ausgangsposition Promotion und Forschung bestens für eine Gründung.

Bei TWAICE stellen wir auch immer wieder Leute mit Promotion ein. WissenschaftlerInnen sind es gewöhnt Dinge zu 100 Prozent zu durchdenken und zu belegen, das bringt in vielen Bereichen einen großen Mehrwert. Was sie aber auch brauchen, ist Pragmatismus. Bei einer Unternehmensgründung läuft es oft so: Man hat eine ungare Idee, testet diese und nimmt das Feedback mit rein – oft läuft das Projekt auch erstmal in die falsche Richtung. Hier müssen GründerInnen schnell und pragmatisch auf Basis der wenigen vorhandenen Informationen entscheiden – aber Pragmatismus kann man lernen.