Im Gespräch mit Dr. Christian Salzmann, Executive Director bei Startup Dock, dem Gründerzentrum der TU Hamburg

Dr. Christian Salzmann ist seit 2016 Executive Director des Startup Dock. Hier ist er insbesondere für die strategische Ausrichtung, strategisches Netzwerken und die Leitung des Teams verantwortlich. Seine akademische Ausbildung und erste Forschungstätigkeiten hat er im Bereich Science and Technology Studies (STS) in Bielefeld absolviert. Nach seiner Promotion war er zuständig für die Förderung der interdisziplinären Forschung an der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen. Anschließend leitete er die strategische Partnerschaft zwischen der Universität Hamburg und dem Deutschen Elektronensynchrotron (DESY) in Hamburg.

Herr Salzmann, können WissenschaftlerInnen gründen?

Eigentlich kann jeder und jede gründen, das ist klar. Es gibt verschiedene Herausforderungen, um erfolgreich ein Unternehmen aufzubauen, angefangen bei der Geschäftsmodellentwicklung bis hin zur Unternehmensführung. Am Ende müssen die Personen zum Unternehmer und zur Unternehmerin werden und das kann entsprechend schwierig sein.

Wie ist es bei WissenschaftlerInnen?

Personen, die aus der Wissenschaft kommen, haben eine ganz besondere Ausgangssituation: Sie beschäftigen sich mit Neuem, mit Innovationen. Das heißt nicht, dass WissenschaftlerInnen per se hochflexibel und immer innovationsorientiert sind, auch sie können höchst konservativ sein. Aber sie haben, zumindest an der TUHH, zumeist mit technischen Neuerungen zu tun und somit mit der Grundlage für Geschäftsmodelle, bei denen ein technischer Kern im Mittelpunkt steht. Für eine erfolgreiche Gründung muss ein Kulturwechsel von Wissenschaft zu Unternehmertum stattfinden, ein Wissenschaftler muss zum Unternehmer und eine Wissenschaftlerin zur Unternehmerin werden. Dieser Kulturwechsel ist natürlich schwieriger, je stärker die Person in der wissenschaftlichen Kultur sozialisiert wurde.

Wie findet dieser Kulturwechsel statt?

Der Wechsel findet auf verschiedenen Ebenen und Wegen statt. Unsere Strategie beim Startup Dock ist es, gründungsinteressierte WissenschaftlerInnen der unternehmerischen Kultur auszusetzen, sie räumlich eng einzubinden, sodass sie diese Kultur hautnah mitbekommen und aufsaugen, einander helfen und anpacken. Viel passiert in Kontakt mit anderen UnternehmerInnen und Start-ups. Letztendlich müssen sie es wollen und sich in die Kultur reinbegeben. Zudem ist es hilfreich erfahrene UnternehmerInnen in irgendeiner Form in das eigene Start-up mit einzubinden, sei es als Mitgründer, als Mentor oder auch als Business Angel.

Wie unterstützen Sie bei Startup Dock erfolgreich WissenschaftlerInnen bei der Gründung?

Wir haben drei zentrale Aufgaben: sensibilisieren, qualifizieren und vernetzen.

Sensibilisieren bedeutet, eine Gründungskultur an der Hochschule schaffen. Sprich, wir zeigen die Möglichkeit des berühmten dritten Weges auf, neben der Karriere in der Wissenschaft oder in Unternehmen, eine eigene Idee, sein eigenes Baby, zum Unternehmen aufzubauen. Dann beraten wir natürlich, aber die Beratung ist für mich ein Teil der Qualifizierung. Dann qualifizieren wir die WissenschaftlerInnen, ein Unternehmer oder eine Unternehmerin zu werden, sei es über Beratung oder über Workshops. Und ein ganz wichtiger Teil ist Vernetzen mit Geldgebern aus öffentlicher oder privater Hand, mit Investoren, Business Angels, Mentoren, Kooperationspartnern aus den Unternehmen bzw. mit etablierten Wirtschaftsunternehmen.

Wo sind die Hindernisse?

Für Start-ups gibt es derzeit – von Corona abgesehen – viele Hürden. Eine sehr große Herausforderung, die sie weniger selbst beeinflussen können, ist die Lage am Risikokapitalmarkt, der mit Risiko nicht viel zu tun hat. Die Lage bessert sich zwar, aber nur langsam und momentan sehe ich kein Wechsel zu einem wirklichen Risikokapital.

Und für die Förderung wissenschaftlicher Gründungen?

Was uns die Arbeit schwermacht ist die Tatsache, dass gerade an einer Technischen Universität viele Studierende sehr früh, teilweise schon vor dem Bachelor- oder dem Masterabschluss, einen Vertrag bei einem Unternehmen in der Tasche haben. In diesen Fällen ist es natürlich schwierig, die Personen für Gründungsideen zu sensibilisieren. Zusätzlich werden wir von den wissenschaftlichen Instituten nicht selten als Konkurrenz gesehen. Sie wetteifern bereits mit der Wirtschaft um die besten Talente für die Doktorandenstellen und wenn wir diese Talente für eine Gründung begeistern wollen, wird es eng. Für uns ist tatsächlich die größte Schwierigkeit Personen zu rekrutieren, die die Gründungsideen umsetzen wollen.

Gibt es denn einen Personenmangel?

Ich glaube es gibt deutlich mehr Ideen als Personen, die diese umsetzen wollen. Personen mit guten Ideen müssen die Entscheidung treffen, ob sie ein unsicheres Gründungsprojekt mit vielen Höhen und Tiefen umsetzen oder den gut dotierten Vertrag im Unternehmen annehmen.

Aus der Entrepreneurship-Forschung wissen wir, Gründungsförderer sollten Teamprozesse coachen und auch räumlich möglichst nah am Team sitzen. Wie setzen Sie das um?

Mit einem eigenen Campus für GründerInnen. Der Start-up-Campus im Harburger Binnenhafen besteht seit 2017. Dort sitzen wir gemeinsam mit den Gründungs-Teams, die wir unterstützen dürfen, auf einem großen Flur. Das sind verglaste Büros, ein großer geteilter Flur mit Tischtennisplatte und vielen Sitzmöglichkeiten, wo regelmäßig gemeinsam gegessen wird oder Events veranstaltet werden. Es ist wichtig, dass wir in der Nähe sind, damit uns die Teams schnell fragen können und nicht jedes Team bestimmte Prozesse und Expertisen neu aufsetzt, sondern auf uns zurückgreift. Zwischenmenschlich bekommen wir dadurch viel mit. Das war schon oft hilfreich, denn so konnten wir das jeweilige Team auf etwaige Probleme in der Teamdynamik ansprechen und unsere Erfahrung einbringen. Als Ansprechpartner können wir die Start-ups ebenfalls unkompliziert mit Netzwerkkontakten verknüpfen. Das wichtigste ist allerdings der Austausch der Teams untereinander, damit sie sich gegenseitig unterstützen können. Diese Möglichkeit des schnellen Austauschs schätzen die Start-ups.

Wie haben Sie diese Kultur des Austauschs und der Nähe aufgebaut?

Das hat sich entwickelt. Was ganz interessant war, zu Beginn hatten wir zwar den großen Flur und die Teams saßen nah beieinander, aber die Türen waren zu. Es gab nur wenig Austausch. Also haben wir Startup-Dock-Breakfasts initiiert, damit sich die Teams auch untereinander besser kennenlernen. Ganz niederschwellig, bei Kaffee und Brezeln, hat jedes Team auf dem Flur sich eine Minute gepitcht. Das haben wir zwei-, dreimal gemacht und danach waren die Türen offen und es hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Wir mussten keine großen Prozesse starten.

Diese Dynamik begünstigen auch die Werte, die wir auf dem Flur leben: Kommunikation auf Augenhöhe, Vertrauen – ganz wichtig – und Wertschätzung. Nur dann funktioniert es, diese Art von offener Kommunikation aufzubauen.

Laut Start Up Monitor 2019 hat Hamburg nach Berlin und Rhein-Ruhr deutschlandweit die höchste Gründungsaktivität, Hamburgs Hochschulen sind aber nicht unter den ersten zehn Gründerhochschulen. Was ist der Grund dafür?

Von den Start-ups aller Hamburger Hochschulen haben einfach sehr wenige bei der Umfrage mitgemacht. Der Start-up-Monitor misst nicht die tatsächlichen Gründungsaktivitäten, sondern das Feedback, was sie von Start-ups erhalten. Die Start-ups entscheiden selbst, ob sie teilnehmen möchten oder nicht, darauf haben wir keinen Einfluss. Was dieser Report leider überhaupt nicht wiederspiegelt, ist das, was sich in Hamburg in den letzten Jahren entwickelt hat.

Und das wäre?

Ein sehr enges Netzwerk der Gründungsunterstützenden Einheiten der Hochschulen. Mit dem Aufbau des Startup Docks ist gleichzeitig das Thema Gründen aus der Wissenschaft in Hamburg immer wichtiger geworden. Aus der sich seit 2015 entwickelnden engeren Zusammenarbeit der Hochschulen und insbesondere dem DESY ist die Plattform „beyourpilot“ entstanden, um Gründungen von WissenschaftlerInnen noch effektiver zu fördern und zu unterstützen.

Aktuell bauen wir einen gemeinsamen Verbund mit Hochschulen aus der Metropolregion Hamburg auf. Ziel ist es, Start-ups aus der Wissenschaft mit Angeboten aller Partner und neuen eigenen Formaten zu fördern, damit sie die für sie besten Angebote nutzen können. Wir möchten so das Institutionendenken auflösen. Für die Start-ups ist es letztendlich egal, an welcher Einrichtung sie Beratung erhalten und Weiterbildungskurse besuchen. Diese Offenheit wird zwischen den Partnern größtenteils schon jetzt aktiv gelebt. Dazu gehören neben der TU Hamburg die Universität Hamburg, die Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg Innovation, die FH Wedel und die Leuphana Universität Lüneburg. Alle Partner bringen unterschiedliche Themen zusammen, auch juristische, sozialwissenschaftliche oder Life-Science. Unser Schwerpunkt liegt bei technischen Neuerungen. Diese Themen- und Angebotsvielfalt wird GründerInnen sehr helfen, so unsere feste Überzeugung. Es ist eine riesige Herausforderung, die ich so in Deutschland noch nicht gesehen habe. Mal gucken, wir werden in fünf Jahren wissen, wie gut es klappt.