Im Gespräch mit Joana Gil, Gründerin und CEO von LignoPure, einem Biotechnologie-Start-up aus Hamburg

Joana Gil ist Mitgründerin und CEO von LignoPure. In ihrer Doktorarbeit an der Technischen Universität Hamburg beschäftigt sie sich seit 2015 mit dem in Holz und Stroh enthaltenen Biorohstoff Lignin. Dieser Rohstoff lässt sich für verschiedenste industrielle Anwendungen nutzbar machen und vielseitig einsetzen, z.B. in 3D-Druck und Spritzguss, in Dämmstoffen und Klebebändern aber auch im Kosmetik-, Lebensmittel- und Pharmabereich. 2019 gründete sie gemeinsam mit ihren Kollegen Wienke Reynolds, Stefan Boersting und Daniela Arango das Unternehmen LignoPure. LignoPure hat ein neues Verfahren, das Biomasse statt Erdöl als Basis für die Kunststoffproduktion einsetzt und für Mensch und Umwelt unbedenklich ist.

Die Gründung von LignoPure liegt noch nicht so weit zurück. Welche Charaktereigenschaften haben Dir geholfen?

Ich bin ein sehr positiver Mensch und habe eine optimistische Grundstimmung, die ich nicht so einfach verliere. Auch komme ich mit Stress gut zurecht, weil ich langfristig denke. Wenn man ein langfristiges Ziel hat, sind die aktuellen Probleme nur kleine Schritte zu diesem großen Ziel. Das hat mich stets motiviert.

Was war Deine Motivation zu gründen?

Den Gedanken zu gründen hatte ich schon zu Beginn meiner Promotion. Ich komme aus Mexiko und habe dort drei Jahre in einem pharmazeutischen Unternehmen als Head of Spin-Offs gearbeitet und die Start-ups der Firma betreut. In dieser Position hatte ich viel mit Förderprogrammen, Unternehmern und Innovationen zu tun. Seitdem fasziniert mich diese Welt sehr.

Daher war ich schon sehr produkt- und kundenorientiert, als ich für meine Doktorarbeit über Lignin nach Deutschland an die Technische Universität Hamburg kam. Lignin ist für die Industrie ein Abfallprodukt und in großen Mengen verfügbar. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass Lignin auf vielfältige Art und Weise als Rohstoff für viele Produkte genutzt werden kann. Aber es gab bisher keine hochwertigen Anwendungen auf dem Markt.

Wie ging es weiter?

Es gab also dieses in hohen Mengen verfügbare Material, mit der Chance als nachhaltige Ressource in der Produktion genutzt zu werden – ohne dass es bisher Verwendung findet. Für mich war der nächste Schritt ganz klar, ich wollte diese Lücke schließen und habe mir die Frage gestellt: Was fehlt für die Produktion? Auf Basis der Ergebnisse meiner Doktorarbeit und den entwickelten Produkten haben wir eine Patentanmeldung über die TUHH eingereicht. Dies führte dazu das ich mich mit Firmen in Kontakt setzte, um mich mit ihnen über das Produktpotenzial auszutauschen.

Ein Teil meiner Motivation kommt auch daher, dass ich denke, es ist der richtige Zeitpunkt etwas für die Welt und andere Menschen zu tun. Gute Wissenschaft ist wichtig, aber aktuell brauchen wir schnelle Lösungen für globale Probleme.

Wie hat dein Institut reagiert?

Mit viel Verständnis. Ich arbeite Teilzeit am Institut und habe eine tolle Mentorin, die uns großartig unterstützt. Das haben nicht alle Start-ups.

Welche Probleme hattest du bei der Gründung?

Parallel zur Doktorarbeit ein Start-up aufzubauen war mental sehr anstrengend und es hat viel Zeit gekostet.

Neben Zeit ist Geld und Finanzierung ein herausfordernder Faktor. Unsere Entwicklungen brauchen Zertifizierungen, die sehr teuer sind und von unseren Kunden zwingend nachgefragt werden. Teilweise wurden wir auch bei unserer Entwicklung zurückgehalten, weil wir monatelang auf Finanzierungen gewartet haben. Zum Beispiel haben wir das Unternehmen zunächst nicht offiziell gegründet, um uns um bestimmte Förderungen bewerben zu können. Als wir dann trotz positiven Feedbacks abgelehnt wurden, hat uns das schwer enttäuscht, denn als neu gegründete Firma hätten wir schon mit Kunden zusammenarbeiten können. So haben wir viel Zeit verloren.

Welche Unterstützung hättest Du dir bei der Gründung gewünscht?

Eine gute Frage. Ich hätte mir vor allem mehr Zeit gewünscht. Davon abgesehen kann ich nur Empfehlungen aussprechen, weil wir aus meiner Sicht alles hatten, was sich ein Unternehmer oder eine Unternehmerin wünschen kann: Eine großartige Mentorin, ein engagiertes Team, erfahrene Berater, und ein weites hilfsbereites Netzwerk.

Welche Unterstützung hat denn besonders geholfen?

Wir sind sehr stark von verschiedenen Organisationen, dem Gründerzentrum Startup Dock, der TUHH und einem großen Netzwerk unterstützt worden. Wir haben uns „im Auge des Hurricanes“ aufgehalten und mit vielen Leuten vernetzt, die uns weiterhelfen konnten. Wir sind auch bei Wettbewerben und Netzwerkveranstaltungen sehr aktiv. Es gibt wirklich viel in Deutschland, um für sich und sein Start-up Sichtbarkeit zu schaffen. Wir wurden schon oft von potenziellen Kunden kontaktiert, die irgendwo von uns gehört oder gelesen hatten.

Aktuell haben wir eine finanzielle Förderung von der Hamburger Investitions- und Förderbank (IFB) für unser Proof of Concept bekommen, damit wir unsere Produkte und Services weiterentwickeln können.

Was war für dich speziell als Wissenschaftlerin hilfreich?

Was ich empfehlen kann, sind Organisationen für WissenschaftlerInnen mit Gründungsabsicht. Es hilft sehr sich mit Personen, die denselben Hintergrund haben, auszutauschen, Probleme zu besprechen und nach Empfehlungen zu fragen. Es ist immer gut zu wissen, man ist nicht alleine und es gibt Vorbilder, an denen man sich orientieren kann.

Aus Deiner persönlichen Sicht: Warum gründen Wissenschaftler so selten?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Gründe. Zum einen verbringt der Großteil der WissenschaftlerInnen vom Bachelor bis zur Doktorarbeit seine Zeit an der Universität. Sie kennen nichts anderes und für sie ist es daher schwierig zu bestimmen, was die Gesellschaft, die Unternehmen und die Industrie brauchen.

Zum anderen tun sich viele WissenschaftlerInnen mit Teamarbeit schwer. In der Forschung arbeiten WissenschaftlerInnen alleine an einem eigenen Thema, das man nicht mit anderen teilt. Gerade bei technischen Gründungen ist ein gutes Team unerlässlich. Es gibt so viele Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, von Zertifizierung über Prozessentwicklung und -skalierung, Marketing und Kundenaustausch, das kann keine Person alleine machen.

Was können Universitäten dagegen tun?

Universitäten sollten Studierende und MitarbeiterInnen stärker dazu bringen bei Projekten der Industrie mitzuarbeiten. Die TUHH hat sehr viele Industrieprojekte, die Studierende und Promovierende eigenverantwortlich managen. Wir arbeiten mit dem Ziel, dass wir einen Prozess oder ein Produkt für die Industrie erarbeiten, das irgendwann verwendet wird. Ein super Konzept, wie ich finde, aber nicht alle Universitäten haben diesen guten Kontakt zur Industrie.

Eine Empfehlung für Universitäten wäre es Kurse für BWL oder Entrepreneurship schon früh in den technischen Studienfächern anzubieten. Ich habe in Mexiko studiert und dort hatten wir sehr viele Entrepreneurship-Kurse und Workshops wie man sein eigenes Business aufbaut. Das hat mir geholfen mich auf die Realwirtschaft vorzubereiten und zu gründen.

Ihr seid drei Frauen im Gründerteam. Außergewöhnlich, denn der Frauenanteil unter GründerInnen liegt bei aktuell vier Prozent und in Gründungsteams bei zehn Prozent. Wie ist das für euch?

Das stimmt, es ist nicht üblich, aber für unser Team ist dieser Umstand nicht wichtig. Bisher haben wir auch keine negativen Erfahrungen in der Start-up-Szene gemacht. Die anderen Gründer wissen, dass wir ein gutes Verfahren und ein tolles Produkt entwickelt haben und respektieren uns für unsere Expertise. Auch erhalten wir viel Unterstützung, zum Beispiel durch Frauenprogramme. Einige Förderprogramme vergeben bis zu 25% ihrer Investments an Gründerinnen, diesen Vorteil nutzen wir natürlich.

Warum gründen weibliche Wissenschaftler so selten?

Da kann ich nur aus persönlicher Erfahrung sprechen. Als ich das Gründungsteam zusammengestellt und mit anderen Wissenschaftlerinnen als potentielle Mitgründerinnen gesprochen habe, ist mir aufgefallen, dass Frauen ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben und Zeit für die Familie haben wollen. Ein zweiter Grund, der aus meiner Sicht aber kein Nachteil sein muss: Viele Frauen haben den Drang nach Perfektion, davon nehmen wir uns im Team nicht aus. Unsere Strategie ist es unser Produkt zu perfektionieren bevor wir rausgehen. Andere Start-ups mit weniger entwickelten Produkten kommunizieren viel selbstbewusster über ihre Produkte.

Selbst kann ich es nicht nachvollziehen, warum so wenige Frauen und Wissenschaftlerinnen gründen. Ich sehe es als meine Verantwortung zukünftigen Generationen kleiner Mädchen zu zeigen, dass wir Frauen etwas Gutes, Großes schaffen können. Ich denke, starke weibliche Vorbilder können mehr Wissenschaftlerinnen für eine Gründung begeistern.