Hamburg/Garching, 10. Februar 2021. Neueste Technologie in ein marktreifes Produkt überführen, ausreichende Finanzierung durch Risikokapital, ein unterstützendes Netzwerk und ein verfügbarer Markt: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für erfolgreiches Gründen sind breit erforscht und bekannt. Der Einfluss psychologischer Faktoren hingegen weniger. Das Entrepreneurship Research Institute der Technischen Universität München (TUM) hat im Auftrag der Joachim Herz Stiftung in einem neuen Forschungsansatz erstmals die Psychologie im Gründungsprozess untersucht. Drei Jahre lang befragten die Forscher:innen Gründungsteams zu Stress, zu Motivation sowie zu ihrer Zusammenarbeit und beobachteten sie im Gründungsprozess.

Eine spielerische Herangehensweise begeistert für Unternehmertum, klare Prozesse verhindern Frustration im Team und Wissenschaftler:innen müssen sich auf unternehmerisches Denken einlassen – das sind die zentralen Ergebnisse der Studie. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelte das Forschungsteam konkrete Maßnahmen, die helfen sollen, Wissenschaftler:innen im universitären Umfeld gezielt bei der Ausgründung zu unterstützen. Gerade Gründer:innen aus der Wissenschaft haben das Potenzial, neue Technologien in Produkte zu transformieren, die echten Fortschritt und eine bessere Lebensqualität bringen.

Ein interdisziplinäres Team aus den Bereichen Anthropologie, Entrepreneurship, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften führte die Studie durch. Die interdisziplinäre Herangehensweise ermöglichte es, Forschungs- und Datenerhebungsmethoden neu zu kombinieren und den Forschungsgegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen. „Erst durch unseren interdisziplinären Ansatz konnten wir herausarbeiten, wie viel Psychologie bei einer Gründung mitspielt“, so Prof. Holger Patzelt, Professor für Entrepreneurship am Entrepreneurship Research Institute. Gemeinsam mit Prof. Nicola Breugst, Professorin für Entrepreneurial Behavior, leitet er die Studie.

Dem Forschungsgegenstand näherte sich das Team auf drei Ebenen – Individuum, Team und Organisation – und untersuchte, wie diese eine Gründung fördern oder behindern können.

Die Faktoren Motivation, Stress, und Vertrauen im Gründungsprozess

In einer großangelegten, deutschlandweit durchgeführten Online-Umfrage begleiteten die Gruppe der TUM ein Jahr lang 128 Gründerteams. Im Fokus der Befragung stand der Einfluss von psychologischen Faktoren wie Motivation, Stress und Frustration, Persönlichkeitsstruktur und Vertrauen auf den Erfolg des Gründungsprozesses. Die Faktoren wurden in wöchentlichen Tagebucheinträgen und mit Hilfe von Fragebögen fortlaufend abgefragt und durch persönliche Interviews angereichert. Über 287 Stunden Interviewmaterial und 2.748 beantwortete Fragebögen sind entstanden und bilden die Grundlage für die qualitative und quantitative Auswertung.

Durch spielerische Zugänge Vorgründungsprozesse real miterleben

Als wichtiger Baustein für erfolgreiche Gründungen stellten sich Makeathons heraus. Aus ihnen gingen in den letzten Jahren zahlreiche Start-ups hervor – ihre Wirkungsweise ist bisher aber noch wenig untersucht. Während eines Makeathons entwickeln interdisziplinäre Teams über einen Zeitraum von drei Tagen bis zwei Wochen eine unternehmerische Idee und ein Produkt. Sie werden dabei von Coaches mit innovativen und agilen Methoden begleitet. Durch die Teilnahme an Makeathons konnten die Forscher:innen der TUM, Vorgründungsprozesse und die Bildung von Start-up-Teams real miterleben und lernen, wie ein solches Format zu unternehmerischem Denken und Handeln befähigt. Dafür nutzte das Forschungsteam eine aus der Anthropologie bekannte Methode, die Immersion. Dabei werden Forscher:innen Teil ihres Forschungsgegenstands und beobachten ihn gleichzeitig. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg begleitete die Gruppe vier Makeathons der TU München als Coaches und untersuchte, welche Prozesse unternehmerische Identitätsbildung ermöglichen und antreiben. 209 Teilnehmer:innen wurden beobachtet und in Interviews unmittelbar nach ihren Erfahrungen befragt.

Informationsaustausch in Teams verstehen

Mit Videoanalysen wurden zudem 52 interdisziplinäre Gründerteams in einem experimentellen Setting begleitet. Die Forscher:innen der TUM beobachteten, wie die Teams für den Gründungsfortschritt relevante Informationen austauschten und Entscheidungen trafen. Dadurch konnten die Forscher:innen den Zusammenhang zwischen Information, Informationsaustausch und Entscheidungsqualität besser verstehen.

Entscheidungsqualität im Gründungfortschritt

In einer Interviewstudie begleiteten die Forscher:innen außerdem ein dreiviertel Jahr lang zwölf Gründungsteams, die am Inkubator-Programm der TUM teilnahmen. Sie dokumentierten, wie die Teams Anwendungen für ihre Technologie fanden und ein marktfähiges Produkt mit entsprechendem Geschäftsmodell erarbeiteten. Dieses Studiendesign erlaubte eine detaillierte Analyse der Zusammenarbeit akademischer Teams im Gründungsprozess So lässt sich besser verstehen, wie sie Entscheidungen treffen.