Hamburg/Garching, 10. Februar 2021. Wissenschaftler:innen entwickeln oft Ideen und Technologien, die das Potenzial für neue Produkte und Dienstleistungen haben und eine bessere Lebensqualität bringen. Damit wären sie ideale Kandidaten für Start-ups. Dennoch bleiben Ausgründungen aus der Wissenschaft in Deutschland selten. Finanziert durch die Joachim Herz Stiftung erforschte das Entrepreneurship Research Institute der Technischen Universität München (TUM) nun erstmals, welche psychologischen Faktoren den Gründungsprozess bei Wissenschaftler:innen beeinflussen. Drei Jahre lang befragten und beobachteten die Forscher:innen deutschlandweit akademische Gründer:innen. Sie fanden heraus: Eine spielerische Herangehensweise begeistert für Unternehmertum, klare Prozesse verhindern Frustration im Team und Wissenschaftler:innen müssen sich auf unternehmerisches Denken einlassen. Die Studienleiter:innen stellten die Forschungsergebnisse und Empfehlungen für die Gründungsförderung auf einer Pressekonferenz am 10. Februar erstmals vor.

„Deutschland ist weltweit einer der Top-Standorte für Forschung und Innovation. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse werden kommerziell zu wenig genutzt. Dabei haben sich die Rahmenbedingungen für eine Gründung, wie etwa die Finanzierung, stark verbessert“, so Dr. Henneke Lütgerath, Vorstandsvorsitzender der Joachim Herz Stiftung. „Die Studie macht klar, dass gute Ideen oftmals an der Einstellung und ungeklärten Konflikten im Gründungsteam, Emotionen und Frustrationen scheitern. Die Ergebnisse sollen helfen, neue Lehr- und Trainingsformate zu entwickeln und so die Anzahl und den Erfolg der Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft zu steigern.“

Damit Forscher:innen zu erfolgreichen Gründer:innen werden, müssen sie drei wesentliche Punkte berücksichtigen, so das Ergebnis der Studie:

1. Unternehmerisches und wissenschaftliches Denken vereinen

Entscheiden sich Wissenschaftler:innen für eine Gründung, müssen sie die Kluft zwischen der akribischen Denkweise als Forscher:in und der pragmatischen Herangehensweise als Unternehmer:in überwinden. Vielen fällt dies schwer. Sie legen ihren Fokus auf die Entwicklung ihrer Technologie und weniger auf die Erfüllung von Kundenbedürfnissen.

2. Klare Prozesse verbessern die Zusammenarbeit

Erfolgreiche Gründer:innen schaffen es, Wissen aus verschiedenen Disziplinen mithilfe klarer Arbeitsprozesse zusammenzuführen. Interdisziplinäre Gründungsteams konnten laut der Studie von ihren unterschiedlichen Expertisen profitieren, wenn sie ihr Wissen auf der Grundlage fest vereinbarter Austauschformate teilten. Hier gibt es noch großen Nachholbedarf: Nur einem Drittel der untersuchten Teams gelang es, das vorhandene Expertenwissen der einzelnen Mitglieder vollständig zu nutzen.

3. Mit spielerischen Formaten begeistern und mit individuellem Coaching unterstützen

Hochschulen starten die Entrepreneurship-Ausbildung am besten spielerisch. Interdisziplinäre Formate wie Makeathons, bei denen Gründungsteams über einen Zeitraum von drei Tagen bis zwei Wochen eine unternehmerische Idee und ein Produkt entwickeln, vermitteln nicht nur Wissen, sondern vor allem Spaß an Unternehmertum. Der spielerische Charakter hilft dabei, erste unternehmerische Fertigkeiten wie gute Planung und Denkweisen wie die Nutzerorientierung zu entwickeln. Viele Teilnehmer:innen identifizieren sich als Ergebnis dieser Lernerfahrung stark mit der Rolle als Unternehmer:in und setzen ihre Gründungsidee um.

Für die Studie wurde eine Online-Umfrage unter 128 Gründungsteams durchgeführt, 52 Teams in einem experimentellen Setting und Teilnehmer:innen mehrerer Makeathons beobachtet sowie Gründungsteams und Gründungsberater:innen im Inkubator der TUM befragt.

„Gründungsteams, die ernsthaft mit ihrer Gründung weiterkommen wollen, brauchen eine individuelle Förderung. Ergänzend zur Beratung wirtschaftlicher Aspekte ist ein persönlichkeits- und teamorientiertes Coaching ratsam. Dies hilft, bei Konflikten und Unstimmigkeiten zwischen den Teammitgliedern zu vermitteln und Kompetenzen aufzubauen, damit Scheitern im Team nicht zu einem Firmenscheitern führt. Das zeigen unsere Ergebnisse deutlich“, so Prof. Breugst.

Vielen Gründungsberater:innen betreuen an den Hochschulen oft über 20 Teams gleichzeitig. Ihnen bleibt wenig Zeit, neben der wirtschaftlichen Beratung auch auf psychologische Dynamiken in den Gründungsteams einzugehen. Zudem stellen manche Gründungsteams im Beratungsgespräch ihren Fortschritt – teils unbewusst – zu positiv dar. Berater:innen, die für teampsychologische Effekte und ihre Auswirkungen sensibilisiert sind, können Widersprüche in der Selbstdarstellung von Teams leichter erkennen und frühzeitig handeln. Voraussetzung ist dafür auch die räumliche Nähe zu den Gründungsteams und ein Methoden-Training, das praxisorientiert vermittelt, wie man teampsychologische Effekte und ihre Auswirkungen erkennen und moderieren kann.

Gründungskultur, Kollaboration und Coaching als Erfolgsgarant

Aus den Ergebnissen leiteten die Forscher:innen Empfehlungen für die Gründungsförderung an Hochschulen und Instituten ab. Als Grundlage haben sich die Verankerung von Entrepreneurship an der Hochschule durch die Hochschulleitung, sichtbare Gründungsvorbilder aus dem Hochschulumfeld und Freiräume für unternehmerische Ideen, wie Gründungs-Sabbaticals, bewährt. Eine positive Gründungskultur an Hochschulen benötigt zudem fakultätsübergreifende Zusammenarbeit in Projekten – auch mit der Industrie.